Think Tank „E-Health“ 2013

Das digitale Abbild des Menschen – Wirklichkeit und Visionen

Klare Aussagen zur Bedeutung der IT für die Umsetzung vernetzter Versorgungsformen auf dem Think Tank „E-Health“ des G & S Verlages

Das Erheben, Speichern und Übermitteln medizinischer Daten unterliegt in Deutschland strengen Restriktionen. Der Datenschutz setzt der Anwendung und Weiterentwicklung von informationstechnologischen Angeboten enge Grenzen. Dies führt zu einem Auseinanderdriften von Patientenschutz, Patientenwohl, Qualität und Wirtschaftlichkeit.

Think Tank "E-Health"

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Think Tank „E-Health“

Der Auflösung dieses Spannungsverhältnisses hat sich in der Zeit vom 8. bis 12. Mai 2013 ein interdisziplinäres Expertengremium auf Initiative des Kölner G & S Verlages in Maspalomas gewidmet. In einem Think Tank ging es dabei um die Bedeutung des Themas „E-Health“ für die strukturierte Weiterentwicklung der Versorgungsangebote in Medizin und Pflege. Unter der Leitung von Prof. Dr. Volker Großkopf diskutierten Vertreter aus den verschiedenen Leistungserbringersektoren (niedergelassen, ambulant und stationär) mit Repräsentanten aus dem Dokumentationsmanagement, ICT, Recht, Medizintechnik, Gesundheitsförderung sowie der Strategie- und Prozessberatung die Möglichkeiten der engeren Verzahnung von Informations- und Kommunikationstechnologien im Gesundheitswesen.

Einigkeit bestand unter den Experten, dass die Vielfalt der möglichen Definitionen des Begriffes „E-Health“ nicht dazu führen darf, den Blick auf das Wesentliche zu verklären. Im Bereich „E-Health” werden zunehmend drei grundlegende Strukturen erkennbar, die durch die elektronische Vernetzung voneinander profitieren können.

Das bisher vornehmlich in den Einrichtungen des Gesundheitswesens vertretene Fachjournal erfährt hierdurch eine verstärkte Verbreitung auch in der juristischen Fachwelt. Die Grundidee des Herausgebers Prof. Dr. Volker Großkopf, nach der komplizierte gesundheitsrechtliche Sachverhalte in knapper verständlicher Form dargestellt werden sollen, wird nunmehr auch in größerem Umfang an medizin- und sozialrechtlich orientierte Rechtsanwälte und Richter herangetragen. Damit ist der Informationstransfer zwischen unterschiedlichen Disziplinen in besonderer Weise gewährleistet.

1.
Als Basis der Kommunikation entstehen umfangreiche Datenbanken (Big Data), die das aktuelle medizinische und organisatorische Wissen bündeln. Aufbau und Finanzierung solcher Datenströme und -projekte obliegen nach einhelliger Auffassung des Expertengremiums der staatlichen Hoheit (siehe: Wissenschaftsrat, Empfehlungen zur Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Informationsinfrastrukturen in Deutschland, Drs. 2359-12, Berlin 2012).

2.
Am point of care (der Ort, an dem die Dienste aus den verschiedenen medizinischen Leistungsbereichen am Menschen tatsächlich erbracht werden) erfolgt neben der persönlichen Interaktion und Kommunikation auch die Umwandlung und Bündelung der Erkenntnisse und Ergebnisse in elektronischer Form: Anamnese, Diagnose, Therapieplan und Maßnahmen-Controlling (Case Management). Dies kann das Erreichen von Zielvereinbarungen zwischen den Leistungserbringer und dem Patienten (Adherence) fördern. Die Rollen und Aufgaben aller Beteiligten am point of care werden, nicht zuletzt aus demografischen Gründen, in der Zukunft einem Wandel unterliegen. Beispielsweise zählt es im Bereich der chronischen Wundversorgung bereits Heute zu den Versorgungsrealitäten, dass viele Pflegende aufgrund ihrer Fachkompetenz zu den Co-Entscheidern der behandelnden Ärzten gerechnet werden. Ein ähnlicher Trend zeichnet sich auch im Rettungsdienst ab (vgl. das neue Berufsbild des „Notfallsanitäters“ nach dem Notfallsanitätergesetz (NotSanG); voraussichtliches Inkrafttreten: 1.1.2014).

Vielfach führt derzeit in der Behandlung von Patienten mit chronischen Erkrankungen die mangelnde technologische Vernetzung von Diagnose- und Therapieinformationen zu Wissenslücken und Behandlungs- bzw. Versorgungsbrüchen. Heutzutage bestehen lediglich kleine Daten-Insellösungen mit beträchtlichen Informationsinhalten und großen Datenbeständen, die es gilt, für die Zukunft zu vernetzen.

Für die Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Lebensqualität des Menschen ist es essenziell, dass diese gebündelte Datenmacht nicht nur in der medizinischen Akutversorgung sondern auch im Rahmen der Betreuung von chronischen und mitunter lebenslangen Leiden permanent verfügbar ist.

In diesem Strukturbereich des Datenaustausches ist eine sichere rechtliche Klassifizierung von Datenhoheitsrechten bedeutsam (Datenschutz). Die Teilnehmer des Think Tanks berichteten in diesem Kontext von den Fallstricken der Datenerhebung und des Datentransfers im Bereich der Dokumentation von chronischen Wunden bei Zusammenarbeit in einem multiprofessionellen, therapeutischen Team.

Diese Form der interdisziplinären Datenerhebung und des komplexen Datenmanagements dient ausschließlich dem Wohle des Menschen und der Patienten. Entsprechend muss dies finanziert, budgetiert und honoriert werden. Eine Möglichkeit der ökonomischen Darstellung derartiger Informationsstrukturen bietet die kalkulatorische Einbindung der IT-Dokumentationssysteme in Selektivverträge.

3.
Auch der Mensch selbst sollte, dem Vorsorgetrend folgend, nicht erst im Krankheitsfall in die Pflicht genommen werden. Die Verantwortung gegenüber dem persönlichen Gesundheitszustand kann durch Maßnahmen zur Früherkennung geschärft werden. Die ermittelten Werte ergänzen die Dokumentationslage der medizinischen Daten. Die Aufklärung und Selbstkontrolle führen zu größtmöglicher eigener Datenhoheit des Menschen und Patienten.

In diesem Feld eröffnen sich innovative Teilhabe- und Finanzierungsmöglichkeiten durch einen Konnex mit Anbietern aus den Bereichen ICT, Pharma, Life Science, betriebliche Gesundheitsvorsorge, Krankenversicherern etc. Umso mehr ist bei derartigen E-Health–Services der Datenschutz von größter Bedeutung.

Die Rechtsdepesche für das Gesundheitswesen (RDG) wird sich nach diesem Kick-Off der Weiterentwicklung der drei Themenfelder widmen und dabei eine kontinuierliche interdisziplinäre Diskussion zwischen medizinischen Berufsträgern, IT-Fachexperten, Krankenversicherern, Politik und der Industrie fördern. Der 2. Think Tank zum Thema „E-Health“ wird am 6. Februar 2014 im Vorlauf zur Winterakademie des G & S Verlages in Maspalomas auf Gran Canaria stattfinden.